Universität Konstanz, Fachbereich Informatik und Informationswissenschaft
Wie man von Mängeln in interaktiven Produkten auf Mängel in deren Entwicklungsprozess schliessen kann
Vortragender: Thomas Geis (ProContext GmbH)
Dienstag, 20. Januar 2004, 18.00 Uhr s.t., Raum R 611
Inhalt:
"Sage mir, welche Nutzungsprobleme ein Produkt verursacht, und ich sage Dir,
was im Entwicklungsprozess schiefgelaufen ist". Wenn Benutzer über
Nutzungsprobleme klagen, dann ist es zielführend, die festgestellten Mängel
als Symptome anzusehen und nach den Ursachen im Prozess zu suchen. Benutzer
und ihre Arbeitgeber achten heute zunehmend auf die Gebrauchstauglichkeit
eines Produkts, weil sie bemerkt haben, dass mangelhafte Nutzungsqualität
unnötig hohe Nutzungskosten nach sich zieht. Deshalb sind viele Hersteller
heute bereit, eine Herstellererklärung zur Gebrauchstauglichkeit des
gelieferten Produkts abzugeben. Aber Hersteller und anwendende
Organisationen sollten erkennen, dass es viel wichtiger ist, einem reifen
Prozess beim Hersteller zu vertrauen als nur einer Produkteigenschaft. Aus
den Erfahrungen im Usability-Engineering wissen wir, dass ein Produkt erst
während der Nutzung im Nutzungskontext (d.h. an den Arbeitsplätzen der
Benutzer) fertiggestellt werden kann (uncertainty principle of usability
engineering). Wenn beispielsweise bestimmte Nutzungsanforderungen erst nach
Systemeinführung verstanden werden können und ein Hersteller einen reifen
Usability-Pflegeprozess anzubieten hat, so wird Anwendern und Benutzern ein
Weg geebnet, der zur gewünschten Nutzungsqualität führt. Dieser
Pflegeprozess trägt auch dazu bei, dass Benutzern nicht zugemutet wird, sich
ohne Aussicht auf Nachbesserung ständig über Produktmängel ärgern zu müssen.
Wegen der Kausalität von Prozess- und Produktqualität ist inzwischen klar
erkennbar, was der Hersteller im Prozess verbessern kann, um die Pflege
besser vorzubereiten oder den Aufwand dafür zu verringern. Allerdings ist
sowohl bei Anwendern als auch bei Herstellern ein Umdenken erforderlich, um
diesen Weg zu gehen. Folgende Tatsachen sprechen dafür, dass dieses Umdenken
bereits begonnen hat.
Fakt 1: ISO 9000:2000 verlangt von den Partnern im Projekt (Hersteller und
Anwender), Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen zu entwickeln. Ein
Hersteller ist dazu nur in der Lage, wenn der Anwender seine
Mitwirkungspflichten im Entwicklungs- und Pflegeprozess erfüllt. In Sachen
Usability sind diese Pflichten inzwischen klar definiert.
Fakt 2: Eine Anwenderorganisation ist nach ISO 9000:2000 dazu angehalten,
einen reifen Hersteller zu suchen. Für die Sicherung der
Gebrauchstauglichkeit des Produkts bedeutet dies, dass sich der Anwender
einen Hersteller sucht, der ihn darin unterstützt, jene Anforderungen an die
Usability zu erfüllen, die sich aus der Bildschirmarbeitsverordnung ergeben,
d.h. die Grundsätze der Ergonomie bei der Beschaffung von Produkten
anzuwenden.
Fakt 3: Existierende Vorgehensmodelle für die Softwareentwicklung (z.B. das
V-Modell) reichen nicht aus, um gebrauchstaugliche Produkte herstellen zu
können, weil in diesen Modellen ein Usability-Engineering-Prozess noch nicht
vorkommt. Hersteller fangen an, ihre Vorgehensmodelle zu ergänzen.
Fakt 4: Wirksame Maßnahmen in der Qualitätssicherung beruhen auf Methoden
des Usability-Engineering. Beispielsweise kann es heute nicht mehr in das
Belieben eines Designers oder Projektleiters gestellt werden, wie eine
Benutzungsschnittstelle gestaltet werden soll.
In vielen Software-Entwicklungsprojekten wird zunehmend erkannt, dass ein
fehlender Usability-Engineering-Prozess zum Scheitern des Projekts führen
kann. Am Ende scheitern Projekte, weil die Benutzer sagen: "Die (Entwickler)
haben nicht wirklich verstanden, was wir hier tun wollen." Anwender geben
sich heute nicht mehr mit einem Produkt zufrieden, das technisch zuverlässig
funktioniert und eine hübsche Oberfläche hat; es wird zunehmend auch auf die
Nutzungsqualität geachtet, d.h. die Effizienz, mit der man zu einem
gewünschten Arbeitsergebnis gelangt. Beispielsweise haben Betreiber von
Online-Shops viele potentielle Kunden verloren, weil ihre Shops für den
Kaufvorgang nicht gebrauchs-tauglich sind.
DATech, die Deutsche Akkreditierungsstelle für Technik, hat Voraussetzungen
dafür geschaffen, dass Prozessverbesserungen auf der Grundlage von
Produkttests erreichbar sind. In den letzten Jahren sind unter Beteiligung
von Herstellern, Anwendern und Wissenschaftlern zwei Prüfverfahren
entstanden:
- Produkt-Test: DATech-Testhandbuch Gebrauchstauglichkeit auf der Grundlage von DIN EN ISO 9241.
- Prozess-Test: DATech-Prüfbaustein Usability-Engineering-Prozess auf der Grundlage von DIN EN ISO 13407.
Die Anwendung der Prüfverfahren wird nicht dazu genutzt, festzustellen, wie
gut oder wie schlecht ein Produkt ist (Dzida und Freitag 2001). Vielmehr
wird festgestellt: "Wo ist ein Nutzungsproblem, wie wirkt es sich aus, wie
beseitigt man es und sorgt dafür, dass ein Produktmangel im nächsten Projekt
vermieden wird."
Will man einen Usability-Engineering-Prozess testen, so stellt sich unter
ökonomischem Gesichtspunkt die Frage: "Wo fange ich an, wo höre ich auf?"
Deshalb ist es zweckmäßig, mit einem Produkttest anzufangen. Anhand der
Mängelliste verschafft man sich ein klares Bild von den Schwachstellen im
Prozess. Vorteilhaft ist, dass die beteiligten Entwickler sofort den
aufgezeigten Kausalzusammenhang nachvollziehen können, und die
Verbesserungschancen erkennen, die im Prozess liegen. Mittels wiederholter
Produkt- und Prozesstests schafft man es, einen Test- und
Verbesserungszyklus zu etablieren.
Der DATech Prozess-Test ermöglicht dem Hersteller den Einstieg in die
Prozessbewertung zunächst über eine Selbsteinschätzung. Die Prüfkriterien
sind an konkrete Ergebnisse, Maßnahmen oder Qualifikationen (Rollen) im
Prozess gebunden, so dass die Lücken im Prozess bestimmt werden können.
Beispielsweise deuten Einarbeitungsprobleme mit einem Produkt darauf hin,
dass Usability-Prototyping nicht stattgefunden hat. Bewusst wurde auf die
übliche Bewertung von Dokumenten oder Aktivitäten verzichtet; statt dessen
zählen Ergebnisse, die im Usability-Engineering-Prozess erzielt wurden.
DATech hat aus den Mängeln des typisch dokumentenorientierten ISO 9000
gelernt.
Die DATech-Prüfverfahren bieten Usability-Spezialisten eine solide
methodische Grundlage für ihre Arbeit. DATech bietet nicht "die beste" oder
"die richtige" Methode, sondern eine, die auf einem Konsens von Praktikern
in der Softwareindustrie und in Prüflaboratorien beruht. Eine ständige
Arbeitsgruppe wertet Erfahrungen der Praktiker aus und verfeinert die
Prüfverfahren. Es wird nunmehr auch in Deutschland möglich sein, das neue
Berufsbild des Usability-Engineers zu entwickeln, das seine Wurzeln in
Stanford (USA) hat. Mitchell Kapors Vision von Software-Design hat zu einem
neuen Studiengang geführt, den Terry Winograd ins Leben gerufen hat: Design
is "where you stand with a foot in two worlds - the world of technology and
the world of people and human purposes - and you try to bring the two
together" (Winograd 1996).
Literatur:
Dzida, W., Freitag, R., Geis, T. Prozessverbesserungen auf der Grundlage von
DATech-Prüfverfahren für Usability, Tagungsband des 7. Kongresses
Softwarequalitätsmanagement (SQM), 2002
DATech (2002). Testhandbuch Gebrauchstauglichkeit. Leitfaden für die Prüfung
von interaktiven Produkten auf der Basis von DIN EN ISO 9241 Teile 10 und
11.
DATech (2002). Testbaustein Qualität des Usability-Engineering-Prozesses.
Leitfaden für die Prüfung von Prozessen auf der Basis von DIN EN ISO 13407.
Dzida, W. and Freitag, R. (1998). Making use of scenarios for validating
analysis and design. IEEE Transactions on Software-Engineering, vol. 24, no.
12, 1182-1196.
Dzida, W. und Freitag, R. (2001). Usability Testing - The DATech Standard.
In: Wieczorek, M., Meyerhoff, D. (eds.): Software Quality - State of the Art
in Management, Testing And Tools. Springer. pp. 160-177. ISBN 3-540-41441-X
ISO 9241 Part 11 (1998). Ergonomic requirements for office work with display
terminals (VDTs): Guidance on usability.
ISO 13407 (1999). Human-centred design processes for interactive systems.
Winograd, T. (ed.) (1996). Bringing Design to Software. Addison Wesley,
Reading, MA, ACM Press books.
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